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Ein Versuch den Kladderadatsch im Kreditsystem anders zu sehen

Was sind die Bedingungen dieser Krise?

Eine meiner Urgroßtanten wurde durch Spekulation ziemlich reich. Aber sie hat weder je eine Börse von innen gesehen, noch mit Aktien oder Geld „gezockt“. Spekuliert hat sie mit Herden und Öfen, die sie gekauft, gelagert und zu Höchstpreisen verkauft hat, während sie neue bereits geordert hatte. Das ging aber nur kurze Zeit gut. Wann? 1918 - damals war das möglich, da hieß das Schwarzmarkt. Frage: Was war die Bedingung, dass es überhaupt einmal funktioniert hat? Ein gesellschaftlicher Bedarf (Ofen) dem kaum ein Angebot entgegenstand. Als es wieder genug Öfen gab, war das Spekulationsgeschäft tot.

Allgemein wird die derzeitige Finanzkrise mit einer „Spekulationsblase“ begründet, bzw. als Ergebnis ruchloser Spekulanten gedeutet. Erklärt das was? Eine „Blase“ (bubble) ist ein Börsenausdruck für einen „raschen, starken Anstieg der Preise an den Börsen“ (Börsenlexikon). Das als Grund für den Aktienboom anzugeben, ist wie Hunger mit Esslust zu begründen.

Die Spekulanten für Krisen verantwortlich zu machen, darüber hat bereits Karl Marx gespottet: „Die politischen Ökonomen, die vorgeben, die regelmäßigen Zuckungen von Industrie und Handel durch die Spekulation zu erklären, ähneln der jetzt ausgestorbenen Schule von Naturphilosophen, die das Fieber als den wahren Grund aller Krankheiten ansahen.1

Was ist Spekulation? Eine „Tätigkeit, die darauf ausgerichtet ist, aus einer erwarteten Marktveränderung Nutzen zu ziehen, wobei meistens ein erhöhtes Risiko eingegangen wird.“ (Börsenlexikon) Danach ist jemand, der vor Jahren einen Handyladen aufgemacht hat ein Spekulant, genauso wie der Immobilienmakler, der Wohnungen im grünen Umland sucht, ... Die gesamte unternehmerische Tätigkeit in Kapitalismus, fußt so auf der Spekulation. Aber gemeint ist in der heutigen Debatte die besonders einträgliche Spekulation, die „Superspekulation“.

Grundfrage: Was ist die allgemeine gesellschaftliche Bedingung dieser Art von Spekulation? Was sind die Prämissen, unter denen sie möglich wird? Ganz offensichtlich kann an der Börse nicht immer erfolgreich spekuliert werden.

Die Mehrheitsmeinung ist: Die Spekulation uferte so unendlich aus, weil es zu viel Geld gab.

Zu viel Geld“ soll heißen, hohe Gewinne, die aber nicht wieder zur Erweiterung der Produktion angelegt werden (Marx nennt das akkumuliert). Den erwirtschafteten Zaster in einen Safe zu packen, wäre sehr dumm - das wäre Schatzbildung und drückt die Profitrate – es bleibt: das Geld in Kredit verwandeln. Z.B. an der Börse, denn was da gehandelt wird, so exotisch die einzelnen Papiere erscheinen, es sind alles Formen von Kredit. Nun ist der Kredit im Kapitalismus eine Ware, wie belegte Brötchen, Werkzeugmaschinen, Kunstdünger, oder sonst was. Der Preis des Kredits, der Zins, fällt, wenn es zu viel davon gibt. Das betrifft auch die Börse. Wertpapiere gibt es in aller Regel nur begrenzt, niemand legt sie auf, wenn er/sie den Kredit nicht benötigt. Der Kurs einer Aktie ist damit eine Zahl, deren Höhe etwas über die Kreditwürdigkeit aussagt, nicht über die Kapitalgröße eines Unternehmens.2 Hat eine Firma „zu viel“ Geld erwirtschaftet, das nicht in eine Produktionserweiterung angelegt werden soll/kann, würde zunächst der Kreditdienst erniedrigt, etwa indem Aktien zurückgekauft werden. Denn: Kapitalprofit ist gleich Unternehmergewinn plus Zins3. Der Zins wird reduziert wenn der Kreditanteil verringert wird. So entsteht zur allgemeinen Freude des Kapitalisten mehr Unternehmergewinn.

Hätten alle Unternehmen auf dem Markt plötzlich viel überschüssiges Geld, würde die Zahl der Aktien, wie der Kredithandel stark zurückgehen. Während eines deutlich zurückgehenden Kredithandels kann aber logischerweise schwer spekuliert werden.

Somit erscheint mir die These vom „überschüssigen Geld“, das die Spekulation erzeugt hätte, nicht stichhaltig. Aber auch die gegenteilige Situation – zu wenig verfügbares Geld – führt nicht zu hoher Spekulation, sondern zu Produktionsstockungen. Das hat die Wirtschaftsgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts bewiesen.

Fragen wir Marx. Er stellt den üblichen Zyklus so dar4: Nach dem Ende einer jeden Krise beginnt die Wirtschaft mit einem Überangebot von Kredit und entsprechend niedrigen Zinsen. Erreicht die Konjunktur wieder die vorhergegangene Blüte, nimmt das Kreditangebot ab, aber der Zins bleibt zunächst recht niedrig. Nun beginnt die Spekulation.5 Bricht dann die neue Krise herein, hört der Kredithandel fast auf.

Frage: Ist aus dem normalen kapitalistischen Krisenzyklus wirklich der rund 20 Jahre dauernde Börsenboom zu begreifen? Muss er nicht mehr sein, als eine übliche Überproduktionskrise?

Womöglich eine kapitalistische Umstrukturierungskrise? Welche Randbedingungen wären für eine solche Hochkonjunktur des Kredithandels nötig? Hohe, verfügbare Profite bei einem gleichzeitigen gesellschaftlichen Kreditbedarf, der das Angebot dauerhaft deutlich übersteigt. Gibt es so was? Ja, das kann es geben. Denn der Kreditbedarf ist keine Funktion des Finanzmarktes, er entsteht aus den Bedürfnissen der Produktion. Wurde eine neuartige Technik entwickelt, die die Produktion umwälzen könnte, so sind alle Unternehmen wild darauf sie schnell einzuführen. Denn die ersten die sie einführen, können so einen Extraprofit ergattern. Da solche Techniken stets große Teile der Produktion verändern, verursachen sie notwendigerweise hohe Investitionen, die nur über Kredite zu finanzieren sind. Wollen nun alle diese Techniken einsetzen – und sind diese Techniken so universell, dass sie viele oder alle Branchen betreffen – dann ist der Kreditbedarf schnell höher, als das weltweite Angebot. Danach beginnt die große Stunde der Spekulanten, da nicht nur der Kredit schlagartig gefragt ist, sondern auch ein Extraprofit möglich scheint. Dies wäre eine mögliche Erklärung für den Börsenboom der letzten 20 Jahre.

Lässt sich das nachweisen?

Ich will zumindest versuchen Zweifel zu streuen:

Der Anstieg des weltweiten Finanzvermögens

Häufig wird als Argument vorgebracht, dass sich das private Finanzvermögen zwischen 1980 und 2006 gewaltig vermehrt hat. Nach McKinsey von 10 auf 167 Billionen US-Dollar. Zeigt das nicht, dass es zu viel Geld und Kredit gibt? Nur, ist das wirklich alles reales, mobilisierbares Vermögen?

Wesentliche Ursache dieser Finanzvermögenszunahme ist das rapide Ansteigen der Aktienkurse. Diese Börsenbewegung bedeutet jedoch keinesfalls eine echte Vermögensveränderung, so wenig wie ein Anstieg des Luftdrucks bedeutet, dass es mehr Luft gibt. Wenn z.B. der Kurs der Bayer-Aktie sich von 20 auf 60 erhöht, hat sich damit für die Vermögensberechner dieses Guthaben verdreifacht. Praktisch ist das allerdings reines Buchgeld7. Für den Konzern gilt nur die Summe, die er bei der Aktienausgabe erlöst hat. Diese hat er in Kapital verwandelt. Der Aktienanteil, der weiter im Besitz des Konzerns ist (damit die Stimmenmehrheit vorhanden bleibt), ändert seinen Wert praktisch nicht. Es spielt für den Konzern nur indirekt eine Rolle, wie hoch der Kurs steht. Indirekt, weil ein hoher Aktienkurs eine hohe Kreditwürdigkeit bedeutet, die alle wollen. Ähnliches gilt für die institutionellen Anleger. Für die restlichen Aktionäre hat sich ihr Vermögen scheinbar vermehrt, aber wollten sie es wirklich in großer Zahl in Geld verwandeln, würde der Kurs sofort abstürzen. Immer nur wenige können dieses scheinbare Vermögen in Geld eintauschen, für alle anderen bleibt es Buchgeld.

Eine weitere Quelle des Finanzvermögenszuwachses ist die Verschuldung der „3. Welt“. Denn die seit Anfang der 1980er stark anschwellenden Staatsschulden dieser Länder sind gleichermaßen anwachsendes Finanzvermögen: die roten Zahlen des Einen sind immer der Besitz des/der Anderen. Wenn Länder wie Mauretanien oder Guyana mit dem Doppelten ihres BIP in der Kreide stehen, zeigt das, um welche Summen es geht. Auch wenn diese Rückstände oft nicht mehr einzutreiben sind, bleiben sie doch für die Bilanz Finanzvermögen. Ja, je weniger diese Kredite real sind, um so mehr blähen sie sich durch nicht gezahlte Zinsen, Aufschläge oder gar neue Kredite auf. So wird verständlich, dass auf dem Papier vorhandenes Finanzvermögen nicht unbedingt in nutzbares Geld umzuwandeln ist. Würde die Forderung der politischen Linken nach einer Schuldenstreichung für die ärmsten Länder verwirklicht, verschwende dieser Teil des Finanzvermögens augenblicklich ins Nichts.

Kommen wir zur Staatsverschuldung der „reichen“ Länder: Auch die Schuldenlast der Industrieländer ist in den letzten beiden Jahrzehnten stark angewachsen. Die Verschuldung der BRD stieg von unter 400 Mrd. Euro 1985 auf über 1500 Mrd. Euro (23.01.2009). Am höchsten verschuldet von den Industrieländern ist Japan mit 182,8% seines BIP. Die relative Verschuldung der USA (mit 65,6% zum BIP) ist ähnlich hoch wie der Durchschnitt der Eurozone (65,2% zum BIP), in absoluten Zahlen jedoch enorm, da sie Ende September 2008 die Zehn-Billionen-Dollar-Marke überschritten hat. Im Unterschied zu den „3. Welt“-Staaten ist bei den Industrieländern die Schuldenrückzahlung nicht mit einem Fragezeichen zu versehen. Doch für die Kreditgeber dieser gigantischen Summen sind sie meist kein flüssiges Vermögen, denn die Staatsschulen existieren oft in der Form von Anleihen mit festen Laufzeiten. Erst am Ende dieser Laufzeit wird der Betrag zurückgezahlt. Daran ändert auch ihre Börsennotierung nichts. Nur den Name des Kreditgebers wechselt dann.

All das mindert das „nach Anlage suchende“ Finanzvermögen. Zudem: Finanzen, die bereits als Kredit „vergeben“ sind, werden ihr Anlageziel nur ändern, wenn es anderswo bessere Renditen gibt. Höhere Zinsen werden jedoch nur angeboten, wenn Kredit benötigt wird.

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Die Zirkulationsphäre hat unbestreitbar eine Eigendynamik mit seltsamen Macken. Mit der Börsenspekulation ist es wie mit dem Goldrausch: Ist der erstmal ausgebrochen, genügt ein Gerücht und Menschenmassen begeben sich blind auf den Weg nach Alaska oder ... In Wahrheit ist es nicht das Gerücht, das die Menschen bewegt, sondern ein echter großer Goldfund. Vergleichbar ist es mit der Spekulation: wie abgedreht sich das Börsengeschehen entwickelt, es hat stets einen realen Hintergrund. Wer den nicht erhellt, bekommt nur Erkenntniskrümel.

Finanzkrise, Finanzkrise ...

Krisen des Finanzbereichs sind im Kapitalismus nichts neues.


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Markant ist hierbei, dass es bis 1890 regelmäßig kleinere Finanzkrisen gab, dann ab 1890 bis 1930 eine Phase besonders heftiger Krisen im Kreditbereich und danach von 1940 bis 1980 eine vergleichsweise sehr ruhige Zeit. Ab Ende der 1980er beginnt es wieder ausgesprochen unruhig zu werden. Die jetzige Krise sticht besonders dadurch heraus, dass sie so viele Länder der Welt betrifft wie noch nie.



Betrachten wir nun einmal die Börsenentwicklung. Als Beispiel nehme ich den Dow-Jones-Index, da er der älteste Börsenindex ist. Aber auch die anderen (Dax, ...) zeigen keinen völlig abweichenden Verlauf, sondern sind auf längere Sicht recht ähnlich.

Auffällig ist: Bis Mitte der 1980er ist der Verlauf über Jahrzehnte relativ gleichförmig, er steigt nicht gewaltig an. Selbst die große Krise Ende der 1920er Jahre ist nur eine kleinere Delle auf der Kurve. Dann, ab Mitte der 1980er, erfolgt ein rasanter Anstieg der Kurve um rund 1000%. Kann ein solch extrem ungewöhnlicher Vorgang allein mit dem Wirken von raffgierigen Spekulanten begründet werden?

Sicherlich nimmt das Kreditwesen mit der fortschreitenden Produktivitätsentwicklung gesetzmäßig zu, wie Marx schon richtig bemerkte. Doch das würde nur einen langsamen Anstieg der Linie über längere Zeit erklären, nicht ein plötzliches Anschwellen.

Gibt es keine geschichtliche Parallele?

Gibt es in der Wirtschaftsgeschichte wirklich kein Gegenstück, keine Ähnlichkeit, zu dieser Börsenhochentwicklung? Der älteste Börsenindex, der Dow Jones, beginnt 1897. Betrachten wir die Zeit davor. Da gab es die „großen Börsenjahre“, in Deutschland ab 1870. Aktiengesellschaften wurden flugs gegründet. Im Jahre 1870 entstanden in Deutschland 54 AG’s, im Jahre 1871 259 AG’s, im Jahre 1872 504 AG’s. Der Wirtschaftshistoriker, Max Wirth, beschreibt diese Epoche in seiner Geschichte der Handeskrisen so: ‘‘Damals wollten der hohe Adel und die Geheimen Räte ebenso mühelos verdienen wie die Kutscher und die Dienstmänner, die Bankherren wie die Briefkopisten, die Männer wie die Frauen, man jobberte an der Börse wie zu Hause, im Hotel wie in der Kneipe, in politischen Versammlungen wie im Gesangverein.’’9

Damit stand Deutschland aber nicht ganz allein. Nehmen wir England. 1899 waren in Großbritannien die Einnahmen der "Kuponschneider" fünfmal so groß wie die Jahreseinnahmen aus dem Außenhandel. So schrieb 1906 der Ökonom Schulze-Gaevernitz: "England wächst aus dem Industriestaat allmählich in den Gläubigerstaat. Trotz absoluter Zunahme der industriellen Produktion, auch der industriellen Ausfuhr, steigt die relative Bedeutung der Zins- und Dividendenbezüge, der Emissions-, Kommissions- und Spekulationsgewinne für die Gesamtwirtschaft. Es ist diese Tatsache meiner Meinung nach die wirtschaftliche Grundlage des imperialistischen Aufschwungs.10

Was war damals die Grundlage dieser Börsenentwicklung?

Die erste Etappe des Kapitalismus, in Deutschland etwa bis in den 1870ern, ist geprägt durch die Textilindustrie. Die industriellen Zentren liegen damals am Niederrhein (Krefeld, Mönchengladbach), im bergischen Land (Elberfeld), in Franken und Schlesien. Dann, etwa ab 1870, beginnt die Industrie sich umzustrukturieren. Die Schwerindustrie wird zum Zentrum der zweiten, imperialistischen Etappe des Kapitalismus. Noch sucht die Industrie die Nähe der Rohstoffe und geht dahin, wo sie die großen Mengen an Kohle nicht zu transportieren braucht. Die Ruhrgebietsstädte – die, etwa im Vergleich zu Krefeld, nur Dörfer sind - beginnen nun gewaltig zu wachsen. Z.B. zwischen 1860 und 1870 steigt die Bevölkerung von Dortmund von 4000 auf 28000 Einwohner, von Essen von 4800 auf 31000, von Bochum von 2000 auf 12000 Einwohner. Und das ist erst der Anfang. Diese Umstrukturierung verlangt nach gewaltigen Mengen von Kapital. Nur der Börsenboom ist der Lage den nötigen Kredit zu liefern. Das endet, als der überspannte Kreditmarkt sich zu normalisieren beginnt, in einer heftigen Finanzkrise und einer Rezession. So wie im Hochsommer sich die aufgestauten atmosphärischen Spannungen in einem starken Gewitter entladen.

Zum Gegenstand der Spekulation

Was war damals das Ziel der Spekulation und was in den letzten beiden Jahrzehnten? Spekulation ist stets auf etwas ausgerichtet, sie hat ein Ziel. So wie z.B. bei der gesellschaftlichen Gewalt am Ende immer konkrete Personen stehen, die Prügel beziehen.

In der Krise 1843/45 war vor allem der Eisenbahnbau und die Dampfschifffahrt das Ziel.11 Und praktisch wurde so ein wichtiger Produktionsfortschritt erreicht.12 Bei der Krise Anfang der 1870er war in Deutschland die Schwerindustrie Gegenstand der Spekulation.13 Springen wir in die Gegenwart: Was war in den letzten 20 Jahren Ziel der Spekulation? Zunächst die „neuen Techniken“, vor allem die moderne PC-Technik, und wiederum wurde ein grundlegender produktiver Fortschritt erreicht: die Fabrikation in internationalen Netzwerken. Doch das allein erklärt weder die Länge noch die Heftigkeit dieser Periode. Zudem ist auf den ersten Blick diesmal die Suche nach dem Ziel der Spekulation schwierig. Es scheint nicht da zu sein. Wird gründlicher analysiert, entdeckt man die Umstrukturierung des Kapitalismus selbst als Gegenstand. Geht es um eine neue Stufe der Zentralisation des Kapitals14, wie rasch vermutet werden könnte?

Wäre es nur so, müsste sich die Anzahl der internationalen Konzerne verringert haben. Allerdings: Im Jahr 1997 wurde die Anzahl der transnationalen Unternehmen von der UNCTAD mit 44.000 angegeben15, im Jahr 2000 bereits mit 60.000 16. Und muss ich an die 90er erinnern? Damals wurden „Outsourcing“ und „Downsizing“ zum Modewort, „Beschränkung auf das Kerngeschäft“ war plötzlich die allgemeine Industrieparole.

Wenn der Kapitalismus zu dieser Zeit seine Struktur verändert hat, von wo nach wo?


Horizontale und vertikale Monopolisierung

Es gibt verschiedene Konzernmodelle, die wichtigsten sind der vertikale und der horizontale Konzern. Bucharin schrieb 1915: „Zwei Arten der Zentralisation können unterschieden werden: die erste Art, wenn eine wirtschaftliche Einheit eine andere verschluckt, die ihr ähnlich ist; der zweite Fall ist die vertikale Zentralisation, wen die betreffende wirtschaftliche Einheit eine andere verschluckt, die nicht von der gleichen Art ist. In diesem Falle haben wir es mit einer ‚wirtschaftlichen Ergänzung‘ oder Kombination zu tun.“17 Kurz: bei der vertikalen Monopolisierung wird ein Konzern um die verschiedenen aufeinander folgenden Stufen der Verarbeitung aufgebaut, und meist um andere Wirtschaftsunternehmen im „Heimatstaat“ ergänzt. „Diversifizierung“ heißt das. Das horizontale Monopol dagegen versucht einen schmalen Produktionszweig ganz zu beherrschen, möglichst weltweit. Über viele Jahrzehnte war das vertikale Modell das vorherrschende. In den USA wurden Anfang des 20. Jahrhunderts horizontale Fusionen verboten (Clayton Act). Auch Lenin ging 1916 davon aus, dass sich die Monopolisierung vertikal entwickeln würde18 und hatte damit über viele Jahre recht.

Gegen Ende der 1980er kam die Trendwende: weg von vertikalen, hin zu horizontalen Strukturen.

Weltweiter Anteil vertikaler und horizontaler Fusionen in %


Ich gehe davon aus, dass diese Umstrukturierung inzwischen weit fortgeschritten ist19. So machen die Schlagworte von „Weltmarktführerschaft“ und „Konzentration auf die Kernkompetenz“ Sinn. Jedoch sind Unternehmensaufkäufe und Fusionen überaus kostspielig. Sie sind eigentlich immer nur durch Kredite zu realisieren und bei fast zwanzigjährigen Höhenflug musste das Kreditsystem bis an seine Grenzen (und darüber hinaus) gedehnt werden.

Der tiefere Grund für diese Umgestaltung

Die Grundkrankheit des Kapitalismus ist der tendenzielle Fall der Profitrate. Das ist eine etwas komplizierte Gesetzmäßigkeit die Karl Marx ist Kapital beschrieben hat20. Sie läuft darauf hinaus, dass durch den technischen Fortschritt immer weniger Lohnarbeiter im Verhältnis zu den Produktionsmitteln (Maschinen etc.) gebraucht werden. Da jedoch der Profit aus der Lohnarbeit stammt, muss die Profitrate in der gesamtgesellschaftlichen Tendenz fallen.

Es gibt Gegenstrategien um das zu verhindern, die mehr oder weniger klappen. Eine Strategie nenne ich mal Sandwich-Kapitalismus (oben lecker Käse, unten trockenes Brot). Sie basiert darauf, dass in den verschiedenen Branchen das Verhältnis zwischen dem Anteil an Lohnabhängigen zu dem an Maschinen (Marx nennt das: organische Zusammensetzung des Kapitals) unterschiedlich ist. Z.B. verarbeitende Industrie 20:80, Malergewerbe 50:5021. Diese Unterschiede können vergrößert werden. Führt mensch an der einen Stelle mehr neue Technik ein, kompensiert mensch das an anderer Stelle durch mehr „Humankapital“, etwa Branchen mit Leiharbeitern, Armutsarbeit ... Der gesellschaftliche Durchschnitt bleibt. Denn wenn einer ein Hähnchen isst und ein anderer zwei Schnitten Brot, hatte im Durchschnitt jeder ein halbes Hähnchen mit einer Schnitte Brot.

Schön ausgedacht, gäbe es da nicht ein Problem: das Gesetz vom Durchschnittsprofit.

Gesetzmäßigkeiten können nicht ignoriert werden, es sei denn ...

Die marx'sche Werttheorie baut auf Ricardo und sein ökonomisches Konzept auf. Ihr Kern ist: „Der Wert aller Waren ... ist durch ihre Produktionskosten bestimmt, in anderen Worten durch die Arbeitszeit, die zu ihrer Hervorbringung nötig wird.22 Daraus folgt, „durch die organische Zusammensetzung der Kapitale in den verschiednen Sphären der Produktion, ... verschiednen Profitraten der einzelnen Sphären23. Das hatte bereits Ricardo verstanden und als er schrieb „eine Million Menschen produziert in den Fabriken stets denselben Wert“, folgerte er daraus, dass in den unterschiedlichen Branchen mit unterschiedlichem Personalanteil, auch die Gewinnrate unterschiedlich sein müsse. Er versuchte das empirisch nachzuweisen und untersuchte die verschiedenen Industriezweige, aber er fand seine These nicht bestätigt: die Gewinne unterschieden sich nur gering. Dieses Problem löste Marx in seiner Zirkulationstheorie quasi nebenher. Er zeigte auf, dass durch Konkurrenz und Preisbildung sich die Profitraten ausgleichen in Richtung einer Durchschnittsprofitrate. „Die Profitrate ist also in allen Produktionssphären dieselbe, nämlich ausgeglichen auf diejenige dieser mittleren Produktionssphären, wo die Durchschnittszusammensetzung des Kapitals herrscht.24 Das bringt einen gewissen Vorteil für die Gewerkschaftsbewegung und ihre Lohnforderungen.

War also nichts mit „Sandwich-Kapitalismus“? Wir bleiben beim „Sozialstaat“?

Bei einem horizontalen Konzern, einem der seine Produktion weltweit gegliedert hat, und der möglicherweise so groß wie ein kleinerer Industriestaat ist, findet eine internationale Preisbildung statt, die diverse organische Kapitalzusammensetzungen in unterschiedlichen Staaten einbezieht. Sprich: Billiglohnarbeiter in Indien, Spezialisten in Europa ... In den Staaten, in denen dieser Konzern bedeutend ist, tritt er so in Konkurrenz zur Durchschnittsprofitrate, ohne sie aufheben zu können. Das Ergebnis ist dadurch ein auseinanderdriften der Profitraten zwischen den einzelnen Sparten der Produktion. Praktisch bedeutet das, eine Verstärkung der Unterschiede zwischen den Abteilungen der arbeitenden Klasse. Gut (oft übertariflich) bezahlte, hoch ausgebildete Beschäftigte in den industriellen Großkonzernen, daneben Arbeiter in traditionellen Berufen, die jedoch oft schon mit Zeitverträgen auskommen müssen, dann Leiharbeiter - bis hin zur Armutsarbeit und Illegalen, die teilweise unter Ausplünderungsbedingungen schuften ...

Das, was in den letzten 20 Jahren als „Neoliberalismus“ bezeichnet wurde, ist quasi politischer Nachvollzug einer sich wirtschaftlich durchsetzenden Entwicklung, es ist eine Politik, wo konservative (aber auch sozialdemokratische) Politiker die geheimen Wünsche der Ökonomie in eine persönliche Passion verwandelt haben.

Schlussfolgerungen

Herbert Steeg

1 MEW 12, 339

2Zu Wertpapieren: „Aber als Duplikate, die selbst als Waren verhandelbar sind und daher selbst als Kapitalwerte zirkulieren, sind sie illusorisch, und ihr Wertbetrag kann fallen und steigen ganz unabhängig von der Wertbewegung des wirklichen Kapitals, auf das sie Titel sind.“ (MEW 25, 493)

3 MEW 25, 829

4Marx/Engels, "Das Kapital", Bd. III, Fünfter Abschnitt, 30. Kapitel. Geldkapital und wirkliches Kapital, MEW 25, 493-510

5„Andrerseits kommen jetzt erst in merklichem Grad die Ritter herein, die ohne Reservekapital oder überhaupt ohne

Kapital arbeiten und daher ganz auf den Geldkredit hin operieren.“ (MEW 25, 504)

6FTD, 24.09.2008

7Buchgeld, aber nicht fiktives Kapital. Das was Marx „fiktives oder illusorisches Kapital“ nennt (MEW 25, 413-428) ist wirklicher, als Kredit existierender Wert, der jedoch seine Quelle außerhalb des Kapitalkreislaufs hat.

8Grafik aus Wal Buchenberg „Krise ist Alltag“, http://de.indymedia.org/2008/10/229177.shtml

9Siehe: Rudolf Hirsch/Rosemarie Schuder, „Der gelbe Fleck“, 498

10Zitiert nach: Lenin „Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus“, Ausgabe 1926, 91

11„Die Spekulation der Prosperitätsjahre 1843-1845 warf sich hauptsächlich auf Eisenbahnen, wo sie ein wirkliches Bedürfnis zu ihrer Grundlage hatte“ (MEW 7, 421)

12„... aber wie 1845 das englische Eisenbahnsystem, so wird diesmal wenigstens der Umriß einer universellen Dampfschiffahrt aus der Überspekulation hervorgehn.“ (MEW 7, 440)

13„... hatte sich die Spekulation besonders auf die Eisenindustrie gestürzt. Große Fabriken schössen wie Pilze aus dem Boden, es waren sogar etliche Werke gegründet worden, die Creusot in den Schatten stellten.“ (MEW 19, 167)

14Oftmals werden Konzentration und Zentralisation des Kapitals verwechselt. Bei Marx sind das unterschiedliche Begriffe: „Zentralisation ist das Verschlucken der kleinen Kapitalisten durch die großen und Entkapitalisierung der ersteren.“ (MEW 25, 256)

15Pressemitteilung UNIC, 19. September 1997

16Pressemitteilung UNIC, 2. Oktober 2000

17N. Bucharin, Imperialismus und Weltwirtschaft, 1915; dort weiter: „Diese vertikale Konzentration und Zentralisation der Produktion, so genannt zum Unterschied von der horizontalen, die im Rahmen der einzelnen Produktionszweige erfolgt, bedeutet einerseits eine Verminderung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, (den sie vereinigt Arbeit, die bisher unter einigen Unternehmungen verteilt war, in einer einzigen), andererseits aber spornt sie im Gegenteil die Teilung der Arbeit im Rahmen der neuen Produktionseinheiten an; der gesamte Prozeß hat, gesellschaftlich genommen, die Tendenz, die ‚nationale‘ Wirtschaft in ein einheitliches kombiniertes Unternehmen zu verwandeln, in dem alle Produktionszweige organisatorisch untereinander verbunden sind.

18„... anderseits bildet ein äußerst wichtiges Merkmal des Kapitalismus, der die höchste Entwicklungsstufe erreicht hat, die sogenannte Kombination, d.h. die Vereinigung von Betrieben verschiedener Industriezweige zu einem einzigen Unternehmen“, Lenin „Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus“, Ausgabe 1926, 17

19Fast 80 Prozent der nachhaltigen Wertschöpfer betreiben nur ein Kerngeschäft, in dem sie eindeutig Marktführer sind ... Stark diversifizierte Konzerne sind dagegen in dieser Superliga nur mit fünf Prozent vertreten – dagegen stellen sie 22 Prozent der Unternehmen, die kein nachhaltiges und profitables Wachstum erreichten.“ Aus: Absatzwirtschaft online, 31.5.2002 http://www.absatzwirtschaft.de/Content/_pv/_t/ft/_b/30917/default.aspx/konzentration-aufs-kerngeschaeft.html

20MEW 25, 221 - 241

21Datenreport 2004 des Statistischen Bundesamts

22K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 55

23MEW 25, 172

24MEW 25, 182

25Das meinen offenbar auch die Protagonisten des „Neoliberalismus“. Dominique Strauss-Kahn, Direktor des Internationalen Währungsfonds: „Ich meine sogar, dass die Marktwirtschaft gestärkt aus dieser Krise hervorgehen wird.“ FAZ, 23.09.2008

26Rudolf Hirsch / Rosemarie Schuder, Der gelbe Fleck, 493ff. - dort 498: „Man suchte die Schuld nicht in den zu hohen Investitionen der deutschen Rüstungsindustrie, nicht in der Spekulationssucht der vielen Groß- und Kleinbürger, nein, die Schuld lag bei den Banken, die vom jüdischen Kapital dirigiert wurden, und bei der Börse, die, wie allgemein verbreitet wurde, von jüdischen Maklern beherrscht wurde. Die Börse, das ist für jeden Menschen klar, ist nur das Barometer, das anzeigt, wie die Gewinnchancen eines Unternehmens bewertet werden. Ein Barometer ist nie der Schuldige am Regen, am Gewitter, am Sonnenschein.“

27 Florian Schulz, Chefredakteur Emerging-Markets-Trader, 18.11.08 http://www.emerging-markets-trader.de